Bärenmarkt
Bärenmarkt
Musik: Aigerim Seilova
Text: Katharina Schultens
Der „Bärenmarkt“ basiert auf einem Gedicht von Katharina Schultens, das mit ungewöhnlichen, teils surreal wirkenden Bildern arbeitet. Die „Tanzbären“, die im Text erscheinen, fungieren als
vielschichtige Metaphern für Erinnerungen, Lebensphasen und Beziehungen. In fragmentarischen Szenen werden verschiedene „Bären“ beschrieben – Figuren, die zwischen
Realität und Symbol oszillieren und dabei unterschiedliche Zustände des Ichs oder seines Umfelds verkörpern.
Die Sprache des Gedichts ist bewusst elliptisch und brüchig. Satzfragmente, abrupte Bildwechsel und überraschende Verbindungen zwischen körperlichen, emotionalen und
ökonomischen Motiven (etwa der Begriff des „Bärenmarkts“) erzeugen eine Atmosphäre der Verfremdung. Das Vertraute erscheint dabei zugleich fremd und verschoben.
Die fragmentarische Struktur prägt auch die musikalische Gestaltung. Die Gesangslinie folgt eng der Sprachrhythmik und reagiert sensibel auf die wechselnden Bilder des Textes. Einzelne
Worte oder Motive können musikalisch hervorgehoben werden, während Pausen und klangliche Reduktion Raum für die Mehrdeutigkeit der Bilder lassen. Dadurch entsteht eine musikalische
Dramaturgie, die weniger auf kontinuierliche Entwicklung als auf das Nebeneinander verschiedener emotionaler Zustände ausgerichtet ist.
[In der Verbindung von poetischer Bildsprache und musikalischer Verdichtung entsteht ein Klangraum, in dem Wahrnehmung in Bewegung geraten. Das Lied lädt dazu ein, die Brüche und offenen Bedeutungen des Textes nicht aufzulösen, sondern als Teil seiner ästhetischen Erfahrung zu begreifen.]
Katharina Schultens
bärenmarkt
der zweite meiner tanzbären lief früher halbmarathon
laokoon: lag er nun umwickelt in bollingerbändern
zuckte abwechselnd mit den tatzen hob die beine
rappelte sich begann als der gesang einsetzte
von einem bein aufs andere zu treten
die kreisenden arme dicht am lendenfell
rutschte der hut ihm übers auge
die jacke klaffte überm runden bauch
der weich war ich wusste wie sehr
der zweite meiner tanzbären
hatte seine kinder zurückgelassen
als die gier ihm unerbittlich
durch den ring geschlüpft war
der innig seinen stolz mit seinem
schwanz verband: hatte gezippelt
gezogen sacht…
der zweite meiner tanzbären füllte alles
was an erinnerung aus seinem körper rann
in flaschen ab die leise zischten
er trank und trank lief hellgelb an
vergaß endlich von neuem wer er war
–
ich ging zurück zum ersten
ich vermisste weiterhin den ersten
ich hatte vergessen was der erste wusste
vor allem hatte ich: was nicht vergessen
der erste meiner tanzbären war uneinholbar
der erste meiner tanzbären war ein wirklich fixer sprinter
der erste meiner tanzbären hatte in sibirien sein fell rasiert
der erste meiner tanzbären war eigentlich kein bär
