Palais de Mari
Palais de Mari
For Francesco Clemente
Mit zum Teil radikalen Längen versuchte Feldman, sich dem traditionellen Konzertbetrieb entgegenzustellen. Eines seiner kürzeren Werke, Palais de Mari (1986), wurde von Bunita Marcus in Auftrag gegeben. Sie beauftragte ihn, ein Werk zu schreiben, das inhaltlich alle Elemente und Eigenschaften der langen Stücke in zusammengefasster Form einbringen sollte. Die ursprüngliche Vorstellung war ein zehnminütiges Werk, das Resultat bewegt sich zwischen etwas über 22 und über 29 Minuten Spiellänge.
In den letzten zehn Jahren seines Lebens interessierte sich Feldman zunehmend für Teppiche aus dem nahen und mittleren Osten. In seinem bedeutenden Aufsatz Crippled Symmetry von 1981 beschreibt er, wie fasziniert er von der ungenauen Symmetrie in den Mustern dieser Teppiche war—eine Eigenschaft, die er auch in der Musik Weberns, Strawinskys und Reichs fand. Er schreibt auch von der „unterschwelligen Mathematik“ in den Bildern Mark Rothkos. In seinem Darmstädter Vortrag von 1984 geht er darauf ein: „Eine der interessantesten Eigenschaften bei schönen alten Teppichen in natürlichen Pflanzenfarben ist abrash. Abrash bedeutet, dass man in kleinen Mengen färbt. Man kann Wolle nicht in großen Mengen färben. Man bekommt also dasselbe, aber eben nicht ganz dasselbe. Er hat einen Anflug von Mikrotonalität. Wenn man ihn dann betrachtet, hat er ein wundersames Schimmern, das von den feinen Abstufungen herrührt.“
Palais de Mari, sein letztes Klavierwerk, verkörpert diese Eigenschaften in einer meisterhaft 25 Minuten überspannenden Komposition. Im Louvre hatte Feldman ein Bild der Ruinen des antiken babylonischen Palastes von Mari gesehen, in dem er eine weitere Spielart unvollkommener Symmetrie entdeckte. Feldmans Komposition bildet eine nach innen gewandte, schrittweise sich verschiebende Fläche aus zumeist konsonanten Klängen. Scheinbar identische Wiederholungen werden fast immer durch kleine Veränderungen in Rhythmus, Tonhöhe und der Platzierung im Takt variiert. Die äußerst leise Dynamik und der durchgehende Pedalgebrauch verstärkt das „wundersame Schimmern“.
Das Stück war ein Auftrag der mit Feldman befreundeten Pianistin Bunita Marcus. Er widmete das Werk dem Maler Francesco Clemente, in dessen Loft Bunita Marcus 1986 die Uraufführung spielte.
