Surgical Aphasia
Surgical Aphasia (UA) – Für Soprano und Akkordeon
Eine der Arten, wie ich Lebenserfahrungen verarbeite, ist durch Humor. Nach einer Gehirnoperation wurde mein Sprachzentrum so beeinträchtigt, dass ich keine Sätze mehr bilden konnte. Ich konnte keine Worte mehr finden. Mit anderen Worten: Ich verlor alle Sprachen, die ich sprach – sie waren einfach verschwunden. Der Chirurg sprach mit mir auf Deutsch, und ich verstand alles, konnte aber nicht antworten. Ich wusste nicht mehr, wie die Worte heißen, und selbst wenn ich mich erinnerte, konnte ich sie nicht aussprechen. Die einzige Sprache, die teilweise zugänglich blieb, war Englisch – allerdings in einer fragmentierten, bruchstückhaften Form.
Danach musste ich alle Sprachen von Grund auf neu lernen: die Namen der Zahlen, das Zählen von 1 bis 100, wie man Jahre und Jahrhunderte benennt, Wochentage, Monate und so weiter. Beim Lernen kam es vor, dass ich Wörter nur Sekunden nach dem Aussprechen wieder vergaß – ein Kampf, der nicht immer ganz ohne Humor war. Wörter wie „August“ (auf Deutsch wie auf Englisch) oder Zahlen wie „5“ (fünf) oder „20“ (zwanzig) wurden unerwartet schwierig. Viele Phoneme waren – und sind auch jetzt, drei Monate nach der Operation, teilweise noch – wie Zungenbrecher.
Dieser fortlaufende Prozess des Wiedererlernens, der über die Fertigstellung dieses Stückes hinaus andauert, zeigt sich in einem ständigen Wechsel zwischen Klarheit und Störung: zwischen erkennbaren Phonemen und Momenten, in denen sich Klang von semantischer Bedeutung löst.
Surgical Aphasia – nicht als Diagnose zu empfehlen, sondern als Stück – ist ein unmittelbarer Ausdruck meiner Wahrnehmung von Sprachklängen beim Versuch, bedeutungsvolle Sprache zu formen.
