Fragmente der Natur
FRAGMENTE DER NATUR
Für Sopran und Akkordeon
Was bedeutet Natur – und was verstehen wir unter Natürlichkeit? Sechs eigenständige Fragmente nähern sich dieser Frage aus verschiedenen Perspektiven: Emily Dickinsons Gedicht Nature is what we see tritt in Dialog mit Zitaten von Tobler, Novalis und Heisenberg. Anstelle einer linearen Erzählung entsteht ein klangliches Mosaik, das wissenschaftliche, poetische und sinnliche Zugänge zur Natur miteinander verwebt.
Die Gesangsstimme bewegt sich zwischen gehaltenen Tönen und schnellen, gleitenden Passagen – eine vokale Sprache, die Natürlichkeit nicht abbildet, sondern verkörpert. Das Akkordeon tritt als gleichberechtigter Partner hinzu, dessen experimentelle Spieltechniken die Grenze zwischen Klang und Geräusch befragen.
Stimme und Akkordeon teilen einen gemeinsamen Ursprung: Beide erzeugen Klang durch Luft und Atmung. In diesem geteilten Atem sucht das Werk eine Verbindung zwischen Konzertsaal und Natur – und lädt die Zuhörenden ein, mit veränderter Wahrnehmung in den Alltag zurückzukehren.
TEXTE
- Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen.
(Christof Tobler – Die Natur Fragment, 1784)
- Nature is what we see—
The Hill—the Afternoon—
Squirrel—Eclipse—the Bumble bee—
Nay—Nature is Heaven—
(Emily Dickinson, poem 668, 1863)
- Die Natur hat Kunstinstinkt – daher ist es Geschwätz, wenn man Natur und Kunst unterscheiden will.
(Novalis, Fragmente. 1773)
- Nature is what we hear—
The Bobolink—the Sea—
Thunder—the Cricket—
Nay—Nature is Harmony—
(Emily Dickinson, poem 668, 1863)
- Was wir beobachten ist nicht die Natur selbst, sondern die Natur, die unserer Fragestellung ausgesetzt ist.
(Werner Heisenberg, Physik und Philosophie, 1958)
- Nature is what we know—
Yet have no art to say—
So impotent Our Wisdom is
To her Simplicity.
(Emily Dickinson, poem 668, 1863)
