Crossing Lines

Crossing Lines

Aagard-Nilsen schreibt über Crossing Lines Folgendes:

„Das Werk wurde von Jostein Stalheim in Auftrag gegeben, um mit seinem Nordic Quartet aufgeführt zu werden. Stalheim leitete auch die Uraufführung in Boda. Das Stück ist um vier verschiedene solistische Passagen herum aufgebaut – je eine für jedes Instrument. Das Material dieser Soli wird transformiert und weiterentwickelt, bis es auf einen Schluss zuläuft, in dem alles „in der Nacht“ verschwindet.“

Das Nordic Quartet, auf das sich Aagard-Nilsen bezieht, war ein einmaliges Projekt. Der Gruppe gehörten Stalheim (Akkordeon), Jesper Juul (Posaune), Ricardo Odriozola (Violine) und John Ehde (Violoncello) an. Sie nahmen das Werk in Bergen im Studio auf; diese Aufnahme ist bislang unveröffentlicht.

Im Einklang mit seinen erklärten Absichten wählte Aagard-Nilsen einen „objektiven“ Titel für sein Stück. Es ist unschwer zu hören, wie sich die Linien der vier Instrumente im Verlauf des Werkes tatsächlich kreuzen und dabei mitunter recht spannungsgeladene Situationen erzeugen. Zu Beginn jedoch tragen alle Instrumente dazu bei, eine neuntönige Reihe zu etablieren, die vom Akkordeon gespielt wird:

G, B, f, as, fis¹, a¹, d², e², es³.

Diese Reihe durchzieht – in verschiedenen Transpositionen und Permutationen – weite Teile des Werkes.

Die Reihe besteht also aus folgenden Tönen:

D, dis, e, f, fis, g, gis, a, ais

Die fehlenden Töne c und cis treten in Takt 27 (Akkordeon und Violine) diskret in Erscheinung und bleiben für die gesamte Dauer des Werkes präsent. Das fehlende h erweist sich als ein eher widerspenstiges Element des Stücks. Es taucht in Takt 128 flüchtig in der Posaunenstimme auf und erscheint zwischen den Takten 168 und 184 noch einige Male – wiederum sehr diskret – in den Akkordeonharmonien, um danach für den Rest des Werkes nicht mehr in Erscheinung zu treten. Zudem spielt es in den Takten 148–151 eine prominente und bedeutsame harmonische Rolle (als enharmonisch notierte kleine None), wie Sie im Folgenden sehen werden.

Es erscheint vollkommen stimmig, dass das Akkordeon das Kernmaterial des Stücks einführt. Selbst unter Berücksichtigung der Präsenz einer potenziell übermächtigen Posaune ist es das Akkordeon, das in dieser ungewöhnlichen Kombination das Geschehen zu dominieren scheint. Seine Präsenz wirkt bisweilen beinahe herrisch; es verleiht dem Stück eine gewisse, etwas abweisende Schärfe. Immer wieder, wenn die anderen Instrumente sich auf ein spielerisches Miteinander einzulassen scheinen, scheinen die lang ausgehaltenen Akkorde des Akkordeons im Hintergrund darauf bedacht zu sein, nicht zuzulassen, dass dieses Spiel die Regeln eines stillschweigend durchgesetzten Verhaltenskodex verletzt. Diesen Unwillen, Frivolität zu dulden, findet ihren treffendsten Ausdruck in den gereizten, repetitiven Akkorden der Takte 98 bis 102. Die Posaune – das einzige potenzielle Konkurrenzinstrument des Akkordeons um die Vorherrschaft im Ensemble – spielt über weite Strecken des Stücks gedämpft und darf lediglich zwischen den Takten 132 und 160 mit offenem Klang erklingen.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass jedem Instrument sein Moment im Rampenlicht vergönnt ist – mag dieses auch noch so kurz bemessen sein. Doch während es zweifellos an Schönheit und Spannung nicht mangelt – wenngleich von eher krampfhafter Natur –, scheint Freude nicht auf der Tagesordnung zu stehen.

Crossing Lines ist ein ernstes Musikstück. Es hat den Anschein, als suchten die Instrumente nach einer Art elementarer Lebensfreude, würden jedoch durch die äußeren Umstände daran gehindert. Eine tief verwurzelte Frustration manifestiert sich hörbar in den Kratzklängen der Streicher sowie in den tiefen Flatterzungen-Tönen der Posaune. Ein besonders ergreifender Moment ereignet sich in den Takten 148 bis 152: Der Instrumentengruppe gelingt es, sich zu einem wunderschönen – wenn auch wehmütigen – Bb13-9-Akkord zusammenzufinden, nur um sogleich durch das tiefe A des Akkordeons sabotiert zu werden. Die Streicher reagieren darauf hilflos mit gereizten Kratzgeräuschen. Trotz all dieser Ernsthaftigkeit bietet die Musik auch Raum für klangliche Oasen, wie etwa in den Passagen zwischen den Takten 128 und 133 sowie zwischen Takt 165 und 189.

Das Werk entfaltet sich auf bemerkenswert organische Weise. Die Instrumente reichen sich Motive gegenseitig weiter; bisweilen bewegen sie sich in dieselbe Richtung, zu anderen Zeiten trifft ein aufsteigendes Instrument auf ein absteigendes Gegenstück. Die hauchzarte Coda – von Takt 210 bis zum Schluss – zeigt das Akkordeon in einer unbeschwerten Stimmung, wie es seine filigranen Aufwärtsfiguren „in die Nacht“ hinaufwirft – so die Formulierung des Komponisten. Diese aufsteigenden Figuren ziehen sich als wiederkehrendes Merkmal durch das gesamte Werk. Am Ende, während ein fernes Cello aus der Distanz wachsam Wache hält, gönnt sich das Akkordeon jenen Genuss, den es seinen Spielpartnern im Verlauf des gesamten Stücks vorenthalten zu haben scheint.

All dies ist selbstverständlich lediglich die Interpretation der Musik durch einen einzelnen Hörer. Künftigen Interpreten und Hörern des Werks steht es frei, sich der Musik auf jede Weise zu nähern und sie so zu verstehen, wie es ihnen sinnvoll erscheint. Das Werk ist auf der 2003 erschienenen CD „Singing Landscape“ des Labels Euridice zu hören. Die gesamte CD ist der Musik von Aagard-Nilsen gewidmet.

Dem Vorbild seines älteren Kollegen Ketil Hvoslef folgend, hat Torstein Aagard-Nilsen in Crossing Lines auf meisterhafte Weise ein Gleichgewicht und einen inneren Zusammenhalt innerhalb einer recht ungewöhnlichen Instrumentenkombination geschaffen.

Ricardo Odriozola, 25. März 2024